
Der riesige Wallstreet-Bulle aus der Ausstellung "Tanz auf der Deadline" (Hees-Bürowelt 2014) hat seinen Weg in den Friedrich Schadeberg-Hörsaal der Universität Siegen, Campus Unteres Schloss gefunden. Mit seiner provozierenden Aufschrift "Willst du mit mir <pleite> gehen?" sollte er eigentlich in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hängen oder in einer Siegerländer Bank. Bei ersterer standen Brandschutzrichtlinien entgegen, bei letzteren ideologische Bedenken. Jahrelang musste der Bulle deshalb den Ausblick auf die Wiese hinter der Galerie bild-wort-ding genießen und damit gleichzeitig seine Witterungsbeständigkeit unter Beweis stellen.

Auch das große Wandbild "Kafka in Siegen" aus der Ausstellung "Käferträume und Schlossbesuche" (2019) hängt nun im Schadeberg-Hörsaal. Die Ausstellung fand vom 28. August bis 11. Oktober 2019 in der Passage der Teilbibliothek Unteres Schloss (US) statt. Seitdem befindet sich das Wandbild im Besitz der Universität Siegen und hat nun - endlich - seinen Platz gefunden.
Der vollständige Titel des Wandbildes wirft für Nicht-Siegener vielleicht Fragen auf. Deshalb einige Hinweise. Vorweg: Franz KAFKA war zu Lebzeiten nicht in Siegen.
Die Fotomontage zeigt den überlebensgroßen Kafka auf einer Brücke über die Sieg in einem Gemälde von ca. 1850, das als "Scheinerblick" im kollektiven Gedächtnis Siegens verankert ist. Diese in mehrfachen Ausführungen vorhandenen Ansichten wurden von Jakob Scheiner und seinem Sohn Wilhelm erstellt. Das Untere Schloss im Hintergrund ist als Campus US heute Teil der Universität Siegen.
Die Bedeutung des Käfers im Werk Kafkas dürfte allgemein bekannt sein. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ heißt es im ersten Satz von "Die Verwandlung", Kafkas wohl bekanntester Novelle. Das ungeheure Ungeziefer war ein auf dem Rücken liegender Käfer, der sich nur mit Mühe aus dem Bett herausarbeiten und zur Zimmertür bewegen konnte.
Und hier kommt nun der Neymar-Käfer und die Zeit der Entstehung des Wandbildes ins Spiel.
Während der Fußball-WM 2018 in Russland hatte der Fußball-Weltstar Neymar im Spiel Brasilien gegen Belgien vor Hunderten Millionen von Zuschauern neben seinen fußballerischen auch bühnenreif seine Kunst des anlasslosen Hinfallens demonstriert, was wiederum den Münchener Dramatiker, Regisseur und Dichter Albert Ostermaier, der auch als Torwart der deutschen Schriftsteller-Nationalmannschaft fungierte, zu dem kafkaesken Spottgedicht "touch me not" in der FAZ vom 7. Juli 2018 mit Illustration eines auf dem Rücken liegenden Käfers beflügelte - dem Neymar-Käfer eben, der nun Teil des Campus US der Universität Siegen geworden ist.
Ein Wort noch zu den Menschen "hinter" der Kunst, die zumeist "unsichtbar" bleiben und nicht genug gewürdigt werden. Die Hängung der beiden großformatigen Exponate in luftiger Höhe über den beiden Hörsaal-Eingängen war nämlich eine Kunst für sich und wäre ohne die großartige Unterstützung des Handwerker-Teams der Universität nicht möglich gewesen. Die folgende Bildstrecke ist als ein kleines Dankeschön gedacht.
